Nachdem’s am Wochenende davor nichts wurde stand nochmals der Versuch des Hintergrat an. Dieses Wochenende sollten die Sterne besser stehen und so ging’s Freitagnachmittag nach Sulden. Dieses Mal jedoch zum hinteren Parkplatz, von wo aus wir zuerst entlang des Bachs marschierten. Nach knapp 2 Std. erreichen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit die urige Hintergrathütte, wo wir uns (oder zumindest ich mir;-) gleich einmal eine Portion Rösti mit Spiegelei genehmigen.

Samstag – Ortler via Hintergrat

Nach schlafreicher Nacht frühstücken wir gegen 04:00 mit dem Rest der Hütte und machen uns im Dunkeln auf den Weg zum Hintergrat. Die Verhältnisse beim Zustieg sind erwartungsgemäß ähnlich wie am Wochenende zuvor – vielleicht sogar noch einen Tick besser. Jedenfalls wählen wir im unteren Teil den „smarteren“ Aufstieg durch die eingeschneite Rinne am rechten oberen Ende der Schuttflanke. Langsam erwacht der Tag und die leichten Klettereien beginnen. Wir kommen ausgesprochen gut voran, passieren das erste Schneefeld, kommen zum kurzen Abstiegs-Part wo wir zum 1. Mal sichern, überklettern den kleinen (aber für klein bis normal gewachsene Menschen knackigen) Gendarmen und meistern auch die Crux danach. Dabei handelt es sich um ein SEHR ausgesetztes kurzes Stück ohne Sicherungsmöglichkeit, das bei den leicht eisigen Verhältnissen hohe mentale Anforderungen stellt. Das zweite (kurze) Firnfeld knacken wir problemlos und nähern uns mit großen Schritten dem Gipfel des Ortler. Leider zieht es kurz vorm Gipfelsieg zu und so rasten wir in den Wolkenschwaden :-( Schade, aber Hauptsache es hat die Stunden bis dahin gehalten.

Der Abstieg über den Normalweg verläuft wie geplant und stellt keine Schwierigkeit dar. Erst Gletscher, wo die gut sichtbaren Spalten leicht umgangen werden können bis zur Biwakschachtel. An dieser ohne abseilen steil hinunter zum Ende des Gletschers, wo wir das Seil ablegen. Nach einer spannenden Querung gelangen wir zu einem Markanten Punkt im Fels, wo wir 1x abseilen und zum Beginn des Ketten-versicherten Stücks kommen. Nachdem wir dieses gemeistert haben erreichen wir unschwierig die Payerhütte, von wo aus wir dem markierten Wanderweg zur nahen Tabarettahütte absteigen. Die Hütte, die wir am frühen Nachmittag erreichen, ist schwach frequentiert und ein wahres Juwel in dieser Gegend. Die Stube ist gemütlich, das Essen schmackhaft und unser leeres 8er Zimmer hat schon fast Hotel-Charakter.

Sonntag – Tabaretta Klettersteig

Nachdem wir am reichlichen Frühstücksbuffet die Mägen füllen laufen wir mit einem gemeinsamen Rucksack zum Einstieg des Tabaretta Klettersteigs. Dabei handelt es sich um einen D/E-Steig, der ohne Trittstifte auskommt und bestens abgesichert ist. Die Schlüsselstelle ist eine diagonale, leicht überhängende und trittlose, kurze Querung. Starke Oberarme sind hier absolut hilfreich – für alle anderen Aspiranten (inkl. mir) empfiehlt sich eine kurze Bandschlinge samt Karabiner. Der Steig erfüllt die Erwartungen in jeder Hinsicht, ist landschaftlich top und folgt einer genialen Linie durch die Wand. Es gibt genügend Rastplätze, die Steinschlaggefahr hält sich in Grenzen und die Qualität des Fels ist perfekt. Nach nicht ganz zwei Stunden erreichen wir den Ausstieg und steigen ab der Payerhütte wieder über den altbekannten Normalweg zur Tabarettahütte ab. Kurz vor der Hütte treffen wir noch auf einen Paragleiter, der im steilen Schuttkar seinen Schirm auslegt und wenig später Richtung Tal abhebt – Neid :-) Der Abstieg retour zum Ausgangspunkt zieht sich dann zwar noch etwas, wird von uns aber ebenfalls problemlos gemeistert.

Fazit

Schön, dass wir’s dieses Wochenende geschafft haben. Der Hintergrat wartet aktuell mit früh-winterliche Bedingungen auf. D.h. die meisten Stellen sind problemlos zu gehen, aber die beiden beschriebenen Schlüsselstellen erfordern doch etwas Überwindung. Ansonsten eine tiptop Tour – in der Variante mit Klettersteig perfekt geeignet für ein abenteuerliches Bergwochenende. Ohne Via Ferrata könnte der konditionsstarke Bergsteiger auch ins Tal absteigen und noch am selben Tag die Heimreise antreten. Den Klettersteig direkt nach dem Ortler-Abstieg zu machen ginge theoretisch auch – bleibt aber nur den wirklich sehr gut (!) trainierten Berggehern vorbehalten.

GPS Track Tag1:

GPS Track Tag2:

GPS Track Tag3:

HIKR: www.hikr.org/tour/post86433.html