Blüemlisalp-Überschreitung

Prolog

Lange hatte ich diese eindrückliche Traverse im Berner Oberland im Kopf. Hinter dem lieblich klingenden Namen verbirgt sich tatsächlich eine saftige Grat-/Hochtour, die es wirklich in sich hat. Trotz vergleichsweise geringer Gipfelhöhen steht diese Rundtour „bekannten Kalibern“ der Westalpen in nichts nach. Wie es uns bei der Besteigung im Juli 2018 gegangen ist lest ihr hier.

Die Sache mit dem „e“

Gleich vorweg um Unklarheiten zu vermeiden: Es heißt „BlüEmlisalp“ und „BlüEmlisalphorn“, aber „Blümlisalphütte“. Zumindest in der Swisstopo Karte. Warum das so ist verrät euch möglicherweise Google oder der Hüttenwirt. Wir haben die Hintergründe nicht recherchiert.

Auf nach Kandersteg

Welch klingender Name! Mache kennen Kandersteg vielleicht als Eiskletter-Mekka – nicht zu verwechseln mit dem gar-nicht-so-weit-entfernten Lauterbrunnen, wo sich neben Bergsteigern und Touristen zahlreiche „Extreme“ (Basejumping, Wingsuit-Piloten, …) bewegen. Auf den letzten Straßenkilometern erblickt man vom Auto aus bereits die imposante Bergwelt des Blüemlisalp-Massivs. Wie so oft in der Schweiz ist das Parksystem in Kandersteg perfekt organisiert. Heißt: Parken ist de facto überall gebührenpflichtig, aber mit CHF 5,–/Tag vertretbar.

Wir parken auf der gegenüberliegenden Bachseite der Seilbahn-Station. Primär deshalb, weil wir die ersten Aufstiegsmeter nicht mit der Seilbahn, sondern mit den E-MTBs zurücklegen werden. Außerdem sorgt die schattige Baumallee für ein relativ kühles Auto bei unserer Rückkehr…

Mit dem E-MTB zum Oeschinensee

Wer glaubt, dass E-Bike-radeln nichts mit Sport zu tun hat, der möge den Anstieg von Kandersteg zum wunderschön gelegenen Oeschinensee zurücklegen und davon berichten. Uns hat der durchgehend steile Anstieg über die Forststraße ordentlich ins Schwitzen gebracht. Um die linke Seeseite führt dann ein breiter, flacher Spazierweg, der nach einigen hundert Metern enger und steiler wird. Kurzzeitig mussten wir aufgrund des grob-steilen Untergrundes auch schieben – was mit E-Bikes einigermaßen kräftezehrend ist.

Bei der Unterbärgli-Alm war dann Schluss und wir konnten die Räder im leeren Kuhstall geschützt unterstellen – danke an den entgegenkommenden Wirt an dieser Stelle! Der Weiterweg zum Oberbärgli verläuft deutlich steiler und schlängelt sich in Serpentinen hoch. Allen Fahrrad-Aspiranten möchte ich empfehlen, ihre Bikes nichts weiter hoch zu nehmen, da der nachfolgende Weg im Aufstieg kaum fahrbahr ist. Lustigerweise tragen zahlreiche Biker ihr MTB auf der anderen Seite vom Gornergrund bis knapp unter die Blümlisalphütte (900+ Höhenmeter!) und fahren dann zum Oeschinensee ab. Kann man machen – muss man nicht machen.

Blümlisalphütte zum Greifen nah

Die Hütte ist trotz des langen Zustiegs ein beliebtes Ziel für Tagestouristen. Die über 1.000 Höhenmeter ab dem See ziehen sich jedoch und noch schlimmer ist, dass man die Hütte bereits aus großer Distanz sieht. Irgendwann ist sie dann auch erreicht und wir staunen nicht schlecht, dass die Hütte heute (an einem Wochentag) praktisch ausgebucht ist. Glücklicherweise erfahren wir beim Abendessen vom Wirt, dass sich am nächsten Tag insgesamt nur drei alpine Seilschaften auf den Weg machen werden und wir die einzigen sind, die die Traverse in Angriff nehmen. Juhuuuu :-)

Apropos Abendessen: Dieses schmeckt wirklich vorzüglich und es gibt bei Suppe, Salat und Hauptgang so lange Nachschlag, bis keiner mehr kann. Da kommt Freude auf!

03:00 Tagwache

Wir sind die einzigen Menschen im leeren Speisesaal und frühstücken im Halbdunkel. Später gesellt sich ein Paar zu uns, die direkt über den Rothornsattel das Blüemlisalphorn besteigen werden. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass wir uns später am Gipfel fast zeitlich begegnen werden.

Nach einer halben Stunde steigen machen wir uns fertig und steigen in 10min einige Meter zum Gletscher ab. Im Schein der Stirnlampen versuchen wir, alte Spuren auszumachen und arbeiten uns langsam den Blüemlisalpgletscher hoch. Wir sind froh, so früh gestartet zu sein, denn der Schnee trägt unser Gewicht recht gut. Die Stimmung ist mystisch und wir sind tatsächlich weit und breit die einzigen Gestalten, die unterwegs sind.

Ab rund 3.000m wird es langsam interessant, denn der Gletscher steilt auf und ist stellenweise aper. Wir seilen uns an und montieren die Steigeisen. Am Blüemlisalpsattel sehen wir die weitere Aufstiegsroute: Die weiße Nordwestflanke aufs Morgenhorn (3.623m).

Aufstieg aufs Morgenhorn

Anfangs ist das Terrain recht einfach, aber ab ca. 3.400m wird es spannend. Wir stärken uns und packen die Eisgeräte sowie Eisschrauben aus. Der Wirt meinte, 1 (!) Seillänge wäre zu schrauben. Bei uns sind es dann doch eher 3-4 und unsere 5 Schrauben reichen gerade so irgendwie zur Sicherung. Stellenweise treffen wir auf Blankeis und ich stelle wieder einmal fest, dass aus mir kein großer Nordwandkletterer wird. Dominik steigt dankenswerterweise souverän vor – dafür übernehme ich dann am Firn-/Felsgrat die Führung. Glücklich erreichen wir den ersten Gipfel, liegen voll in der Zeit und genießen den Sonnenaufgang über der atemberaubenden Schweizer Hochgebirgswelt.

Überschreitung Wyssi Frau

Die Grattraverse ist abwechslungsreich und spektakulär. Bei der vorangegangenen Routen-Recherche sind mir imposante Bilder in Erinnerung geblieben, die einen scharfen, sehr ausgesetzten Firngrat zeigen. In der Realität ist die Ausgesetztheit geringer als vermutet, was die Tour zu einem absoluten Genuss macht! Firn und Fels wechseln sich ab – wirklich schwierig oder unangenehm ist es eigentlich zu keiner Zeit. Sicherlich auch dank der perfekten Verhältnisse.

Wer bei der Wyssi Frau (3.647m) merkt, dass ihm das Unternehmen eine Nummer zu groß ist, der kann dort über den felsigen Nordwestgrat an Stangen gesichert absteigen. Das Erreichen der Wyssi Frau bedeutet in etwa die Halbzeit des Grats (oder zumindest fast), wobei die Kletterschwierigkeiten subjektiv ab hier zunehmen. Auch der Felsanteil wird höher.

Nach zweieinhalb Stunden am Grat klatschen wir am Gipfel des Blüemlisalphorn (3.661m) ab und sind überglücklich, diese grandiose Tour flott und sicher gemeistert zu haben. Wir genießen die Aussicht und beobachten die aufsteigende Zweierseilschaft, die kurz nach uns das Gipfelkreuz erreichen wird.

Abstieg Blüemlisalphorn zum Rothornsattel

Kurzum: ein anspruchsvoller Abstieg, der bei Nässe trotz der zahlreichen Sicherungsstangen sehr heikel werden kann. Die abwärts geschichteten Felsplatten stellen hohe Anforderungen an Konzentration und Klettertechnik. Wir haben die Stangen nicht genutzt und sind über trockene Platten rechts der Stangen abgeklettert. Vom Rothornsattel geht es dann noch 50m steil im Butter-Firn hinunter auf den Gletscher, wobei eine kleine Randkluft zu überwinden ist. Von der Hütte aus hat das wesentlich dramatischer (blank & steil) ausgesehen.

Für den weiteren Rückweg gibt es zwei Varianten:

  • Durchgang zwischen Ufem Stock und Wyssi Frau
  • Übergang nordwestlich von Ufem Stock

In beiden Fällen ist ein kurzer Gegenanstieg zu überwinden. Wir entscheiden uns für Variante 2 wobei die letzte, ansteigende Querung zur Hütte nochmals am mentalen Durchhaltevermögen zehrt.

Nach wohl verdienter Rast auf der Hütte packen wir unsere Sachen, steigen zu den Bikes ab und lassen die Bremsen hinunter ins Tal quietschen. Am Weg vom See zum Auto wird uns nochmals bewusst, wie anstrengend die Auffahrt ohne Motorunterstützung gewesen wäre und wie angenehm diese Form des Abstiegs ist.

 

Fazit

Beeindruckende 2-Tages-Unternehmung, die zeigt, dass sich auch Routen auf „niedrige“ Bergen nicht vor ihren höheren Pendants verstecken brauchen. Besonders gefallen haben uns die unterschiedlichen Terrains, die breites alpinistische Können verlangen. Aufgrund der geringen Bekanntheit ist die Blüemlisalp-Überschreitung auch deutlich weniger frequentiert als klassische Westalpentouren. Von mir daher volle fünf Sterne!

Eckdaten

Region:   Berner Oberland, Schweiz
Start/Ziel:    Kandersteg, 1.174m
Höchster Punkt:   Blüemlisalphorn, 3.661m
Schwierigkeit:   Hochalpines Gletschergelände
Fels bis III, Gletscher bis 50°
Beste Zeit:   Juni-September
Hütte(n):   Blümlisalphütte

 

Navigation & GPS

Impressionen

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